Das beschäftigt Assistenzärzte: Wie gehe ich mit dem Druck um, dass ich mir noch mehr Zeit für Fachliteratur nehmen sollte?

Nicht nur im Krankenhaus- und Praxisalltag gibt es noch viel zu lernen. Darüber hinaus gibt es das ganze Fachgebiet mit seinen Standardwerken, aktueller Literatur u.v.m., das es sich zu erschließen gilt. Aber wann? Im Arbeitsalltag als Assistenzarzt bzw. Assistenzärztin bleibt dafür keine Zeit, die Facharztprüfung steht aber unweigerlich irgendwann vor der Tür. Und jeden Tag, wenn Sie die Arbeitskleidung gegen Ihre private Kleidung tauschen, denken Sie „Eigentlich müsste ich noch…“ und schon schleicht sich selbst nach den krassesten Arbeitstagen noch das schlechte Gewissen ein.

4 Tipps für mehr Wissen ohne schlechtes Gewissen

Hier sind 4 Tipps, um mit dem Druck, mehr Fachliteratur lesen zu müssen, besser umzugehen.

1. Definieren Sie „Fachliteratur“ für sich neu.

Was ist für Sie „Fachliteratur“? Womit beschäftigen Sie sich wohlmöglich bereits heute schon regelmäßig und haben es bisher gar nicht als „Fachliteratur“ definiert? Oder was könnten Sie neu in Ihr persönliches Weiterbildungs-Portfolio aufnehmen? Das heutige Angebot ist groß, und es ist multimedial. Es gibt sehr gute Podcasts (die englischsprachigen sind teilweise sehr angenehm auf Unterhaltung und gute Didaktik ausgelegt), Videos und Facharzt-Trainingsprogramme, z.B. unter arztfortbildungen.de, springermedizin.de oder amboss.com.

2. Hinterfragen Sie Ihren eigenen Anspruch.

Wie viel Zeit haben Sie realistisch für das Selbststudium und wie viel Zeit können Sie sich nehmen? Was ist ein alltagstauglicher Anspruch an Sie selbst? Was wäre aus Ihrer Sicht eine absolute „Minimum Baseline“? Und ganz ehrlich: Was ist Ihr Wunsch hinter dem Wunsch, sich in die Fachliteratur einzuarbeiten? Worum geht es Ihnen – um das Gefühl der hundertprozentigen Kompetenz oder hundertprozentigen Sicherheit? Können Sie die überhaupt erreichen?

Das sind viele Fragen. Letztendlich läuft es auf eins hinaus: Definieren Sie sich einen realistischen, erfüllbaren Anspruch an sich selbst. Es bringt Ihnen gar nichts, wenn Sie einen riesigen Anspruch mit sich herumtragen, den Sie nicht erfüllen können! Dann haben Sie das schlechte Gewissen als Dauergast eingeladen. Und ein schlechtes Gewissen geht nicht nur auf das Gemüt, sondern blockiert auch unnötig Gehirnkapazitäten.

Machen Sie sich vielmehr einen Plan, wie Sie sich insgesamt auf die Facharztprüfung vorbereiten möchten und halten Sie diesen mehr realistisch als ambitioniert.

3. Schalten Sie für den Alltag von „alles“ auf „aktuell“ um.

Mein Tipp für den Arbeitsalltag ist, den Arbeitsalltag dafür zu nutzen, sich für aktuelle Themen und Herausforderungen bzw. anscheinende Wissenslücken zügig und auf den Punkt so zu belesen bzw. zu informieren, dass Sie sich für diesen ausgewählten Punkt für die eigene Tätigkeit kompetent fühlen. Wenn Sie Ihren Anspruch von „ich muss alles wissen“ auf „ich gehe dort in die Tiefe, wo ich es akut benötige“ umstellen, dann werden Sie immer wieder die Zeit finden, sich dort schlau zu machen, wo es Ihnen gerade konkret weiterhilft bzw. ein kompetentes Gefühl verschafft. Wissen, das Sie sich in einem aktuellen Kontext aneignen, bleibt darüber hinaus ganz anders im Kopf und geht in den Speicher des „Erfahrungswissens“ ein und steht Ihnen damit auch später viel besser zur Verfügung.

4. Tun Sie sich mit anderen zusammen.

Auch wenn Sie vom Typ her im Studium eher der Alleinlerner waren. Jetzt während der Facharztausbildung ist die Situation nochmal eine ganz andere. Tun Sie sich mit anderen zusammen, seien es Kollegen aus der eigenen Abteilung oder ehemalige Kommilitonen. Überlegen Sie, wie Sie sich gegenseitig unterstützen können. Ihr erworbenes Wissen weiterzugeben und in den Austausch zu gehen, spart Zeit, intensiviert die Lernerfahrung und wird im Gehirn später als viel besser abrufbares Wissen abgespeichert.

Fachliteratur lesen: Die Coachinggeschichte

„Mein Thema im Coaching war eine richtig große Unzufriedenheit. Besonders gespürt habe ich die, wenn ich zum Feierabend nach Hause kam.

Als einen Bestandteil von diesem quälenden Gefühl, falsch unterwegs zu sein, habe ich im Coaching mit Frau Schroeder als den großen inneren Druck identifiziert, mich noch viel mehr mit Fachliteratur zu beschäftigen. Ich fühlte mich schon schlecht deswegen, da hatte ich kaum die Wohnungstür aufgeschlossen!

Mein zentrales Learning ist sicherlich, dass nicht die Realität selbst das Problem ist, sondern dass ich mir mein Problem durch meinen eigenen zu hohen Anspruch selbst definiere. Dass ich im Coaching an meinem Anspruch an mich selbst und meinen inneren Antreibern gearbeitet habe, war für mich ausschlaggebend, um wieder in eine Zufriedenheit mit allem zu kommen.

Für den Umgang mit dem nötigen Wissensaufbau habe ich mir einen (jetzt noch) 2 Jahres-Plan erstellt, wie ich mich auf die Facharztprüfung vorbereiten möchte, und ich habe unter den Assistenzärzten in meiner Fachklinik eine WhatsApp-Gruppe angeregt, in der wir uns gegenseitig auf gute Literatur, Videos etc. aufmerksam machen. Das hilft schonmal sehr, denn wir sprechen dann auch im Alltag immer wieder darüber und tauschen uns aus. Was ich aus der Coachingzeit definitiv dauerhaft in meine Denkweise aufgenommen habe ist das Motto „Selbststudium für AKTUELLES statt ALLES“, das hilft mir in meinem Anspruch an mich selbst. Weil ich diesen Anspruch auch gut umgesetzt bekomme, sorgt das Motto dafür, dass ich mich wirklich kompetenter fühle.“

Foto und Coachinggeschichte wurden zwecks Einhaltung der Diskretion abgeändert.

Dieser Blogartikel ist der zweite Artikel aus meiner Serie „Das beschäftigt Assistenzärzte“ mit praktischen Tipps aus meiner Coachingpraxis.“ Wenn Sie als Arbeitgeber für Ihre Assistenzärzte eine wichtige Unterstützung bieten möchten und ein Coachingangebot machen möchten oder aber wenn Sie als Assistenzarzt mit einer Gruppe von Kollegen aus Ihrem Haus mittels eines gemeinsamen Coachingprogramms bei mir weiterentwickeln möchten, dann schauen Sie sich mein „Inhouse“ Coachingprogramm für eine Gruppe von Assistenzärzten genauer an und melden Sie sich bei mir!