Viele Ärzte und Mitarbeiter in Gesundheitswesen kommen an den Punkt, an dem sie merken, dass die eigenen Kräfte und die Bereitschaft sinken, die Situation der Überlastung sowie den Druck im Gesundheitswesen auszuhalten. Wenn Sie sich die Frage stellen, ob Sie die Stelle wechseln oder sogar Ihren Arztberuf aufgeben sollten, dann sind Sie hier richtig! Erfahren Sie mehr über Pro und Contra des Arztberufs und was es bei einem Stellenwechsel oder Ausstieg zu beachten gilt.

Warum sind so viele Ärzte unglücklich?

Unser Gesundheitssystem steht unter Druck. Kontinuierlich angestiegen sind in den letzten Jahren die Erwartungen an die Leistungen des Gesundheitswesens:

  • die Anzahl der alten Menschen (demografische Entwicklung)
  • die Behandlungsmöglichkeiten (medizinischer Fortschritt)
  • die Komplexität der Behandlung (Multimorbiditäten) sowie
  • die Herausforderungen für die Abläufe (von Demenzpatienten bis hin zu Gewaltübergriffen durch Angehörige).

Wenn mehr Leistungen gefragt sind, dann werden mehr Ressourcen benötigt, um die Leistungen zu erbringen, oder es muss per Definition an der Qualität der Leistungen gespart werden. Aber hier sind die Trends derzeit gegenläufig:

  • zunehmender Fachkräftemangel
  • zunehmende Dokumentationsverpflichtungen
  • permanente Verkürzung von Liegedauern und damit eine permanente Zunahme der Behandlungsdichte etc. in Krankenhäusern
  • diverse Abschläge für Krankenhäuser bei der Übernahme von Kosten durch die Krankenkassen (z.B. MDK-Reformgesetz, Strukturprüfungen)

Kurz gesagt: Benötigt werden immer komplexere Leistungen bei zunehmend knappen und teuren Ressourcen. Die Quadratur des Kreises.

Gar nicht so einfach, in diesem Kontext zu arbeiten. Denn in erster Linie wird diese Quadratur des Kreises auf dem Rücken der Verantwortlichen vor Ort ausgetragen. Das bedeutet, der Arzt oder die Ärztin und selbstverständlich alle weiteren Verantwortlichen wie Pflegende etc. stehen vor der Herausforderung, dass Anspruch und Wirklichkeit permanent auseinanderklaffen. Der Druck durch die Patienten und Angehörigen steigt und die Verwaltung fordert immer mehr Dokumentation, Abrechnung etc. ein, so dass die eigenen Mitarbeiter „rebellieren“. Am Ende des Tages fragen sich Viele: „Bin ich an der richtigen Stelle? Gehe ich wirklich auf die Patienten ein oder lebe ich hier eine Art der Medizin, die nicht (mehr) meine ist?“

Warum ist die Bereitschaft zu kündigen so groß wie selten?

Nicht nur die Situation der Leistungserbringer im Gesundheitswesen hat sich zugespitzt, auch in unserem individuellen Verständnis von Arbeit hat sich etwas verändert.

Anforderungen an eine Arbeitsstelle

  • Gutes Arbeitsklima und passendes Umfeld mit schneller und authentischer Kommunikation stehen vor eigener Jobbezeichnung oder Position
  • Respekt vor Fachlichkeit steht vor Respekt vor hierarchischen Vorgaben
  • Führungsverantwortung wird unattraktiver

Anforderungen an Vereinbarkeit

  • Wunsch nach Freizeit steigt, Bereitschaft für Überstunden sinkt
  • Familienleben gewinnt an Priorität (von Elternzeit bis Teilzeit)
  • Varianz an Arbeitsmodelle steigt, z.B. für nebenberufliches Engagement, zusätzliche Ämter, weitere berufliche Standbeine

Rolle des Arztberufs in der Lebensgestaltung

  • Sinnhaftigkeit des Berufs steht vor Einkommen oder Status
  • Die zeitliche und emotionale Bindung an einen Arbeitgeber verringert sich, die Relevanz des Arbeitgebers als Identitätsgeber verkleinert sich

Generationsübergreifend ist zu beobachten, dass unsere Bereitschaft, unseren Job so zu gestalten, dass er unser Leben komplett bestimmt, immer weiter sinkt und wir auch im beruflichen Alltag stärker unsere Individualität ausleben wollen. Während der Ruf nach einer ausgewogenen „Work-Life-Balance“ immer größer wird, verlieren Materielles und Status an Bedeutung. Karriere steht nicht mehr unbedingt an erster Stelle, sondern vielmehr der Spaß an der Arbeit und das Erleben von Sinnhaftigkeit.

Diese gesellschaftliche Entwicklung trifft auf ein überlastetes Gesundheitssystem, das hohen Einsatz von seinen Leistungsträgern fordert und zudem mit Hierarchien, Intransparenz und einer Fülle von Forderungen, die nicht selten als wenig sinnhaft wahrgenommen werden, aufwartet. Hinzu kommt als „Brandbeschleuniger“ die Corona-Pandemie. Das alles führt dazu, dass sich die einzelnen Mitarbeiter wie selten zuvor fragen, wo und wie sie in diesem Gesundheitssystem ihren Platz finden können.

Arztberuf Pro und Contra 

Arztberuf Vorteile

In meinen Coachings gibt es häufig diesen besonderen Moment, den ich so mag. Es ist der Moment, wenn deutlich wird, dass man in einen Gesundheitsberuf selten „hineinrutscht“ oder es sich einfach so ergeben hat, sondern dass dahinter ein großer eigener Wert bzw. eine Lebensüberzeugung steht. Es ist die Vorstellung, für andere Menschen da zu sein und zu helfen. Dieser Wert führt auch die Liste der Punkte an, die Ärzte und Menschen in Gesundheitsberufen als absolute Vorteile Ihres Berufs angeben:

  • maximale Sinnstiftung = Leben retten
  • hervorragende Job- und Gehaltsperspektiven, in Anstellung oder als Selbständiger
  • gesellschaftliche Anerkennung und Prestige
  • breites Spektrum an Tätigkeiten und große Abwechslung
  • Wissen und Beruf entwickelt sich ständig weiter
  • hoher Anteil an Teamwork
  • sicherer Job

Arztberuf Nachteile

Genauso gibt es auch Nachteile, die immer wieder aufgeführt werden, wenn es darum geht, was die Ausübung des Arztberufs bzw. eines Gesundheitsberufs belastend oder sogar unattraktiv machen kann.

  • hohe Arbeitsbelastung
  • Schichtbetrieb
  • erschwerte Work-Life-Balance
  • erhöhtes Risiko, an Burnout oder Ähnlichem zu erkranken
  • ständige Konfrontation mit Schicksalsschlägen
  • Druck, Angst vor Fehlern bzw. hohe medizinische Verantwortung, selbst eine Bestleistung kann im schlimmsten Fall nicht genug sein
  • immer wechselnder Patientenstamm
  • ausgeprägtes Denken in Hierarchien
  • hohes Konkurrenzdenken unter Kollegen
  • hohes Maß an Bürokratie

Was gibt es für Alternativen zum Arztberuf?

Für diejenigen, die in Krankenhäusern, MVZs und Praxen arbeiten und aktuell an dem Punkt stehen, dass die Nachteile immer mehr in den Fokus geraten, der Leidensdruck steigt und der Wunsch nach Veränderung zunimmt, stellt sich die Frage, was es für Alternativen gibt.

Dies können Alternativen zum „klassischen“ Arztberuf sein:

  • Tätigkeit als Notarzt
  • Tätigkeit im kassenärztlichen Bereitschaftsdienst
  • Anbieten von Online-Produkten für spezielle medizinische Krankheitsbilder oder -themen
  • Anbieten von Dienstleistungen im Bereich der Gesundheitsförderung
  • Medizintechnik: Entwicklung, Produktmanagement, Vertrieb
  • Pharmaindustrie: Forschung, Entwicklung, Klinische Studien, Vertrieb
  • Unternehmensberatung
  • Telemedizin, z.B. für Krankenkassen
  • Anstellung in Gesundheitsämtern
  • Prüftätigkeiten oder Verwaltungstätigkeiten beim MDK, Krankenkassen
  • Ärztliche Experten für KVen, Ärztekammern
  • Medizinjournalist

Hinter allen Alternativen gibt es verschiedene Tätigkeitsprofile, die alle wieder einen ganz eigenen Kontext von Vor- und Nachteilen mit sich bringen.

Realitäts-Check

Manchmal kann der aktuelle Leidensdruck so groß sein, dass im Vordergrund das große „WEG VON“ steht und alles andere besser erscheint als die aktuelle Situation. In einer solchen Situation werden die Nachteile des Berufs mit den Vorteilen der Alternative verglichen und es wird nicht bedacht, dass die Alternative wiederum auch Nachteile hat, in Dingen, die zuvor als völlig selbstverständlich wahrgenommen wurden (z.B. Patientenkontakt und individuelles Eingehen auf den Einzelnen fällt weg, dafür gibt es geregelte Arbeitszeiten ohne Risiko).

Es kann auch Konstellationen geben, die sich so krass zugespitzt oder entwickelt haben, dass ein Ausstieg die einzig sinnvolle Lösung darstellt und es einfach wichtig ist, zügig ein „WEG VON“ zu realisieren! In diesem Fall rate ich: Holen Sie sich frühzeitig einen Coach an die Seite, der Sie unterstützt, das WEG VON zügig, mit Schutz der eigenen Persönlichkeit zu realisieren!

Unabhängig davon, wie groß das „WEG VON“ ist, ist es essenziell, sich auch das „HIN ZU“ deutlich bewusst zu machen. Fragen, die man sich hier stellen kann, sind in der folgenden Grafik aufgeführt.

Der Realitäts-Check sagt: Berufsbilder und Arbeitsstellen haben alle ihre Vor- und Nachteile. Wir leben und erleben immer ein „Paket“ von Attributen, von denen wir einige als Vorteile und andere als Nachteile empfinden. Es gibt nicht den „idealen Job“. Aber es gibt immer den Job, der gut bzw. bestmöglich zu uns und unserer aktuellen Lebenssituation passt!

Achtung: Was nehme ich mit zur nächsten Stelle?

Was ist, wenn ich zu einer neuen Stelle wechsle? Werde ich dann meine Probleme mit einem Schlag los? Nicht unbedingt. Ich nehme ja mich selbst in meine neue Konstellation mit und damit auch einen individuellen Potpourri an Eigenschaften und Eignung, in belastende Situationen hineinzugeraten.

Situation + eigene Persönlichkeit -> Zufriedenheit an der neuen Position

Diese Persönlichkeitsmerkmale können dazu beitragen, dass ich an einer neuen Stelle ähnliche Probleme erlebe wie zuvor:

  • keine funktionierenden Routinen für Entspannung und Erholung
  • Schwierigkeiten, sich innerlich von belastenden Erlebnissen zu distanzieren
  • Schwierigkeiten, sich von anderen Menschen und deren Anforderungen abzugrenzen
  • Neigung, Vorbehalte und Konflikte unausgesprochen groß werden zu lassen
  • schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein
  • Zweifel an den eigenen Fähigkeiten
  • Überzeugung, dass alles erledigt sein muss, bevor man nach Hause geht
  • innerlicher Druck, durch Leistung zu überzeugen
  • Dinge schnell persönlich nehmen und auf sich beziehen
  • Priorität von persönliche Belangen gegenüber Gepflogenheiten in der Zusammenarbeit

Daher ist der Zeitpunkt, eine Stelle zu wechseln immer sehr geeignet für die eigene Reflexion und um sich zu fragen, was man an Eigenschaften, Einstellungen (Mindset) und Gepflogenheiten mitnehmen möchte! Denn Persönlichkeitsmerkmale können sich weiterentwickeln!

Woran erkenne ich, dass es (noch) nicht Zeit ist zu kündigen?

Die Entscheidung zu kündigen oder nicht, ist schwer zu treffen. Es kann Situationen geben, in der eine Kündigung der beste Weg ist, um die eigene körperliche und psychische Gesundheit zu schützen. Es kann aber auch Situationen geben, in denen es (noch) nicht Zeit ist, zu gehen, z.B.

  • Sie haben einen Mentor oder Förderer vor Ort. Mit einer/m Mentor:In oder Förder:In vor Ort können nächste Schritte oder Veränderungen in einer Form möglich sein, die es andernorts nicht wären, z.B. Karriereschritte, spezielle Weiterbildungen, Erlangung von Kompetenzen, Zugang zu Supervision und Coaching, aber auch Veränderungen von Prozessen und Organisation.
  • Sie können vor Ort besondere Kompetenzen erwerben. Besondere Patientengruppen, Behandlungen, spezielle OPs, bestimmte Infrastruktur (z.B. Zentren), besonders qualifizierte Kollegen (z.B. mit Ermächtigungen für spezielle Weiterbildungen) gibt es bei Ihrem heutigen Arbeitgeber besser als anderswo und sind relevant für Ihren Lebenslauf.
  • Sie haben sich ein sehr herausgehobenes Standing erarbeitet. Sie sind mittlerweile in Ihrem Haus sehr akzeptiert und das, was Sie anregen und umsetzen wollen, bekommen Sie in der Regel auch umgesetzt! Wenn Sie Ihren Handlungs- und Verhandlungsspielraum ausnutzen, können Sie sowohl positive Effekte für sich selbst persönlich erzielen als auch für den Bereich, in dem Sie tätig sind.
  • Es ist gerade nicht der richtige Moment. Einiges kann dafür sprechen, dass einfach gerade nicht der richtige Zeitpunkt für eine Kündigung ist. Möglicherweise gibt es im eigenen Leben gerade viele andere Veränderungen bzw. Herausforderungen oder bei Ihrem Job gibt es Besonderheiten, die Sie abwarten möchten (z.B. Chefwechsel). Hier gilt es, genau in sich reinzuspüren.

Wie bleibe ich mir selbst treu und werde wieder glücklich?

Wichtig ist, dass wir uns selbst ernst nehmen in unserer Situation. Wenn wir unglücklich sind, dann gibt es auch einen Handlungsbedarf. Punkt. Der Handlungsbedarf muss nicht heißen, dass ich kündige, sondern es heißt, dass ich jetzt ins Handeln komme! In dem Moment, in dem ich von mir selbst enttäuscht bin, dass ich unglücklich bin, mache ich etwas falsch! Dann drehe ich mich nur um mich selbst, nehme mich nicht ernst und komme nicht weiter.

Hier kommt mein 10-Punkte-Plan für die Praxis (oder auch die Klinik):

Nutzen Sie die Chance, die in dieser Situation liegt (so unglücklich sie auch losgegangen sein mag) und lassen Sie alles zurück, was Sie anstrengt und behindert. Wahrscheinlich kennt Sie niemand an Ihrer neuen Position. Vielleicht ist es jetzt Zeit, die Schippe mehr an Souveränität draufzulegen, sich weniger für Dinge zu melden, die Sie eigentlich nicht machen wollen, ungesunde Routinen hinter sich zu lassen und sich neue gesunde Routinen und Rituale zu schaffen.

Sie hätten dafür gerne jemanden an Ihrer Seite, der Sie durch Ihren Prozess hindurch begleitet? Das möchte ich gerne übernehmen! Melden Sie sich bei mir!