Finde Deine Bestimmung! Finde Deine Berufung! Finde Deine Lebensaufgabe! Finde Dein Geschenk für die Welt! Finde Deinen Seelenplan! Alle diese Slogans eint: „Finde“ heißt, wir haben es noch nicht! Wir werden also als Suchende deklariert. Und wir suchen auch keine Kleinigkeit, sondern den übergeordneten Sinn über alles, d.h. wir suchen im Grunde nach dem Wichtigstem im Leben.

Wieso ist der Slogan „Finde Deine Bestimmung!“ so omnipräsent?

In den letzten Jahrzehnten ist die Konfessions- und Glaubenszugehörigkeit permanent gesunken, damit auch ein grundsätzliches Gottvertrauen. Wir sehen uns als Steuerer unseres Lebens (zu Recht, das teile ich) und haben dadurch aber vielfach die wichtige Kompetenz verloren, die Dinge „getrost“ annehmen zu können, wie sie kommen. Beides schließt sich meiner Meinung nach nämlich nicht aus.

Die Wohlstandsgesellschaft hat uns konsequent in den vergangenen Jahren in ein anderes Bedürfnisempfinden gebracht, gemäß der Maslowsche Bedürfnispyramide befinden wir uns kollektiv in der obersten Stufe der „Selbstverwirklichung“, unsere Grundbedürfnisse sind in der Regel sichergestellt.

Und wir dürfen nicht vergessen: Der Gedanke „Finde Deine Bestimmung“ liegt auch im kommerziellen Interesse Vieler. Wer etwas sucht, ist auf der Suche und ein guter Käufer, das freut Industrie und den Markt der Persönlichkeitsentwicklung. Wir werden also zunehmend mit diesem Satz in Büchern, Online-Kursen und Werbung konfrontiert, und er hat sich so in unser Bewusstsein geschlichen, dass wir seiner Botschaft Glauben schenken.

Was hat der Satz „Finde Deine Bestimmung!“ für eine Wirkung

Viele nehmen folgenden Subtext bei dem Satz „Finde Deine Bestimmung!“ wahr:

  • Kenne Deine einzigartige Bestimmung. Sie ist in die Sterne geschrieben, und Deine Aufgabe ist es, sie herauszubekommen.
  • Wenn Du es noch nicht herausbekommen hast, dann solltest Du es noch tun. Denn alles, was Du machst, ist wertlos, bevor Du Deine Bestimmung nicht kennst.
  • Vollwertig und voll in Deiner Power bist Du erst, wenn Du Deine Bestimmung kennst.
  • Wenn Du dieses einzigartige Bestimmungs-Gefühl nicht hast, dann hast Du etwas falsch gemacht.
  • Solange Du das Bestimmungs-Gefühl nicht kennst, hat Dein Leben nicht den vollen Sinn gemacht.

Fühlt sich das gut an? Macht der Satz „Finde Deine Bestimmung!“ letztendlich eine Tür auf in eine Welt, die dadurch reicher und schöner wird? Ich sage NEIN.

Warum ist „Finde Deine Bestimmung!“ Quatsch?

Wir werden mittlerweile in Deutschland durchschnittlich 80 Jahre alt. Im Durchschnitt haben wir 40 Arbeitsjahre. In diesen vielen Jahren kann es mehrere Berufungen oder Abschnitte geben, die alle zu unserem Weg dazu gehören!

„You can’t connect the dots looking forward. You can only connect them looking backwards.“

Steve Jobs

Große Karrieren werden selten am Reißbrett geplant. Selbst wenn eine prinzipielle Richtung eingeschlagen wurde, so nehmen sie durch Reinschnuppern, Ausprobieren und zufällige bzw. schicksalhafte Wendungen und Begegnungen mit anderen Menschen ihren Lauf.

Das Leben ändert sich, Vieles ist nicht vorhersehbar und verlangt und ermöglicht Anpassung (s. Pandemie, aber auch Schicksalsschläge, glückliche Zufälle, …).

Der Begriff „Bestimmung“ oder „Berufung“ weckt überzogene Erwartungen an einen Job, den dieser gar nicht erfüllen kann! Insbesondere junge Menschen in der Medizin, junge Ärzte und Berufsanfänger in der Pflege leiden unter dem Moment der Desillusionierung, wenn sie mit ihrem Koffer voller Erwartungen ihre ersten Jobs antreten. Sind sie doch mit dem Gedanken der „Bestimmung“ und der „Sinnerfüllung“ angetreten und entdecken diese nun im Alltag des Gesundheitswesens nicht wieder.

Und dabei geht es den Menschen in der Medizin noch vergleichsweise gut mit dem Gedanken an eine Bestimmung, denn der Weg in die Medizin ist häufig genau mit diesem Wunsch nach der Sinnerfüllung verknüpft. Was für eine Last und Verantwortung ist der Gedanke für junge Menschen insgesamt im Angesicht von knapp 21.000 Studiengängen zur Auswahl im WS 21/22? Zum Vergleich: 2005/2006 waren es noch 11.186! (Link zu den Daten)

„Gib den Dingen einen Sinn“ statt „Finde Deine Bestimmung“.

„Die Frage ist falsch gestellt, wenn wir nach dem Sinn des Lebens fragen. Das Leben ist es, das Fragen stellt.“

Viktor E. Frankl

Wir bringen Sinn in unser Leben, indem wir unsere Werte realisieren – das tun wir, indem wir entsprechend unserer Werte handeln, Dinge konsumieren, die unseren Werten entsprechen und indem wir eine innere Einstellung unserer Werte entsprechend pflegen.

Wir haben die Freiheit, uns das in das Leben hineinzuholen, was wir uns wünschen, über den Job und darüber hinaus. Viele von uns haben viele Wünsche, sogenannte Scanner-Typen (Vielbegabte, vielseitig Interessierte, häufig Autodidakten mit Fähigkeit, sich schnell in neue Dinge einzuarbeiten) wie man sie auch häufig im Gesundheitswesen antrifft sogar mehrere Talente.

Betrachten wir das Leben vielmehr als eine Leinwand, auf die wir unsere Talente, Wünsche, Werte und Bedürfnisse hinaufbringen können und uns als Künstler, die dieses Bild gestalten, dann warten wir nicht auf eine „Bestimmung“, sondern sehen uns als Gestalter, immer den aktuellen Rahmenbedingungen entsprechend. Diese Rahmenbedingungen können sich ändern und damit gemäß Frankl ihre Fragen an uns stellen.

Sinn und Sinnerleben im Gesundheitswesen

Alle Glücksforscher sind sich einig:

„Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu and‘rer Glück. Denn die Liebe, die wir geben, kehrt ins eig’ne Herz zurück.“

Johann Wolfgang v. Goethe.

Sinngebend sind immer Tätigkeiten für andere“ Sie verleihen uns Selbstwert, wir bekommen Anerkennung und Dankbarkeit und das Gefühl von Verbundenheit.

Mitarbeiter im GW haben also prinzipiell die Möglichkeit, dieses Sinnerleben für sich zu verbuchen, 82% sagen das von sich (Spitzenreiter im Branchenvergleich). Allerdings mangelt es ihnen häufig an zwei anderen wichtigen Glücksbausteinen: Selbstverwirklichung (56%) und Gemeinschaft (59%). (mehr dazu).

Wenn wir als System Gesundheitswesen dazu beitragen möchten, dass Mitarbeiter ihr Sinnerleben besser erleben können und Arbeitszufriedenheit empfinden, können wir insbesondere in diese beiden Punkte investieren, indem wir für Gemeinschaftserleben, guten Teamgeist, Zusammenhalt und Rückhalt in der Gemeinschaft Sorge tragen (Glücksbaustein: Gemeinschaft) und Mitarbeitern Möglichkeiten zur Weiterentwicklung, Gestaltung und Veränderung geben (Glücksbaustein: Selbstverwirklichung).

Mein persönliches Fazit

Ich wünsche mir eine Kultur des Umdenkens von „Hier finde ich meine Bestimmung!“ zu „Wie kann ich meiner Arbeit Sinn geben?“ oder „Wie kann ich meinen Handlungsspielraum ausschöpfen, um Gutes zu tun?“. Das entlastet den Einzelnen und auch die Führungskräfte und Organisation.

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft und Einzelne die Kompetenz kultivieren bzw. entwickeln, Dinge anzunehmen und daraus etwas Gutes zu machen, ganz im Sinne des von mir sehr geschätzten Zitats von Elisabeth Lukas: „Wahre Sinnerfüllung setzt vielmehr die Fähigkeit voraus, innerlich ein echtes JA zu sprechen – zur Forderung der Stunde, zu ihrer Schönheit, zu ihrer Schwere, zu ihrer nie mehr zurückkehrenden Chance.“

Die Inhalte dieses Blogs finden Sie hier im Videoformat von mir diskutiert im Rahmen der Video-Reihe „Mindset-Mogelpackung“, die ich in Kooperation mit meiner Coach-Kollegin Carina Schmid erstellt habe. In dem ca. 35-minütigen Video können Sie die gesamte Diskussion verfolgen. Im Video bringt meine Kollegin Carina Schmid außerdem den Ausspruch „Du bist ausgebrannt, weil Du zu viel gegeben hast.“ mit und enttarnt ihn ebenfalls als „Mindset-Mogelpackung.